
Die Konferenz von Santa Marta war ein Moment vorsichtiger Hoffnung in der globalen Klimadiplomatie und brachte ein neues Wissenschaftsgremium für den Übergang weg von fossilen Brennstoffen hervor. Während diese Institution Gestalt annimmt, stellen sich wichtige Fragen zu Legitimität und wessen Wissen den Weg zu einer gerechten Transformation weist. Wir sprachen darüber mit IDOS-Wissenschaftler Niklas Wagner.
In Santa Marta fand erstmals eine Konferenz zum Übergang weg von fossilen Brennstoffen statt. Was ist passiert — und warum ist das bedeutsam?
Die erste Konferenz zum Übergang weg von fossilen Brennstoffen, die vom 24. bis 29. April 2026 in Santa Marta, Kolumbien, stattfand, war ein genuiner Moment in der internationalen Klimadiplomatie. Ko-organisiert von Kolumbien und den Niederlanden, brachte die Konferenz Vertreter*innen aus mehr als 57 Ländern — darunter Deutschland und die EU — sowie Wissenschaftler*innen und die Zivilgesellschaft zusammen, um zu diskutieren, wie der Ausstieg aus fossilen Brennstoffen in der Praxis gelingen kann.
Die Konferenz entstand aus der Frustration darüber, dass seit Jahrzehnten in den Klimaverhandlungen Fortschritte bei der Abkehr von fossilen Energieträgern ausbleiben. Angesichts der Logik des Pariser Abkommens, das auf ambitionierten Klimabeiträgen beruht, repräsentiert Santa Marta einen Moment vorsichtiger Hoffnung. Da die Konferenz jedoch institutionell außerhalb des Verhandlungsrahmens der Klimarahmenkonvention der Vereinten Nationen (UNFCCC) verankert ist, benötigt sie eine breitere globale Beteiligung, um erfolgreich zu sein — sowohl hinsichtlich der teilnehmenden Länder als auch der Einbeziehung unterschiedlicher Wissensformen.
Eines der ersten Ergebnisse war die Gründung des Wissenschaftsgremiums für die Globale Energiewende — SPGET. Was ist das?
SPGET wurde am 24. April 2026 im Teatro Santa Marta offiziell ins Leben gerufen und wird ko-geleitet von der kamerunischen Ökonomin Vera Songwe, dem deutschen Klimaökonomen Ottmar Edenhofer vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung und dem brasilianischen Energiesystemforscher Gilberto Jannuzzi von der UNICAMP. Es wurde von Johan Rockström und Carlos Nobre initiiert und wird an der Universität São Paulo beheimatet sein. Sein Auftrag ist es, jährliche, national relevante wissenschaftliche Leitlinien für den Ausstieg aus fossilen Brennstoffen zu erarbeiten — schneller und handlungsorientierter als der mehrjährige Zyklus des IPCC und ausdrücklich unabhängig von der zwischenstaatlichen Genehmigung seiner Empfehlungen.
Wichtig ist, dass die Gründung von SPGET nicht im Vakuum erfolgte, sondern im Rahmen der Präsentation des Syntheseberichts des Akademischen Dialogs zur Santa-Marta-Konferenz, bei dem Wissenschaftler*innen 12 Handlungsempfehlungen für den Santa-Marta-Prozess vorstellten. Idealerweise wird dieser Prozess institutionell mit SPGET verknüpft.
Welche Möglichkeiten eröffnet dieses Gremium — und was wird seine Glaubwürdigkeit bestimmen?
SPGET schließt eine echte Lücke. Eine dedizierte Wissensinfrastruktur für eine gerechte Energiewende hat gefehlt, und die institutionelle Verankerung des Gremiums an der Universität São Paulo sowie die Ko-Vorsitzenden aus Afrika und Lateinamerika sind bedeutsame Signale für das Engagement für eine bessere Wissenschaft, zu der Kolumbiens Umweltministerin Irene Vélez Torres bei der Eröffnungszeremonie aufgerufen hat. Sie rief explizit zu einer epistemologischen Revolution auf und forderte eine postkoloniale und intersektionale Wissenschaft, die offen ist für den Dialog mit indigenem, ländlichem und volksnahem Wissen neben der konventionellen Expertise.
Wie dies institutionalisiert werden soll, bleibt jedoch unklar. Zivilgesellschaftliche Stimmen und die Guardian- Journalistin Nina Lakhani haben bereits Bedenken hinsichtlich der mangelnden Transparenz geäußert, mit der das Gremium institutionalisiert wurde, und stellen die Frage, ob SPGET die Wissensbasis für die Energiewende wirklich pluralisieren wird. Für die volle Glaubwürdigkeit des Gremiums verdienen diese Bedenken eine ernsthafte Auseinandersetzung durch die Gründer*innen des Gremiums.
SPGET ist ausdrücklich darauf ausgelegt, unabhängig von zwischenstaatlicher Genehmigung zu sein. Ist das förderlich für die Legitimität des Gremiums?
Wissenschaftliche Unabhängigkeit von politischer Einflussnahme kann durchaus wertvoll sein — der IPCC-Prozess hat gezeigt, wie Regierungen unbequeme Erkenntnisse im sogenannten Zusammenfassungsbericht für politische Entscheidungstragende verwässern können. Aber Unabhängigkeit hat ihren Preis. Energiewenden beinhalten tiefgreifend normative Entscheidungen: Welche Technologien sollen eingesetzt werden? Welche Interessengruppen und Gemeinschaften tragen die Kosten? Wie schnell soll aus Brennstoffen ausgestiegen werden, die öffentliche Einnahmen in Entwicklungsländern sichern? Das sind keine Fragen, die die Wissenschaft allein beantworten kann.
Sie erfordern strukturierte Beratung unter Einbeziehung von Regierungen, Zivilgesellschaft und betroffenen Gemeinschaften. Wer über das Tempo entscheidet, wer den fiskalischen Schock abfedert, welche Arbeitnehmer*innen zuerst umgeschult werden — das sind politische Entscheidungen, die betroffene Gemeinschaften und Bürger*innen, nicht Wissenschaftler*innen, letztlich selbst treffen müssen. Ein Gremium, das von Beginn an echte Beteiligungsmechanismen einbaut, wird in einer weit besseren Position sein, um die Zustimmung der Länder zu gewinnen, die noch nicht Teil der Koalition sind — und die für einen global glaubwürdigen und gerechten Ausstieg aus den Fossilen unverzichtbar sind.
Niklas Wagner ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter im Bereich Umweltgovernance am IDOS und Mitglied des CLIMDEV-Projekts. Er forscht zu Wissensfragen in globalen umweltpolitischen Governanceprozessen.

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