Die MSC 2026 verdeutlicht Machtverschiebungen, neue Prioritäten und die Neuverhandlung der internationalen Ordnung.

Die aktuelle Weltordnung befindet sich „im Zerfall„. Diese Botschaft hallte durch die diesjährige Münchner Sicherheitskonferenz – eine Konferenz, die dennoch eine ganz andere Stimmung vermittelte als in den Vorjahren. Die transatlantischen Irritationen des Jahres 2025 sind politisch verarbeitet worden. Die Aufmerksamkeit verlagert sich vom Ringen um veränderte Realitäten hin zu einer Neupositionierung und Neugestaltung der entstehenden Ordnung. Deutschland und Europa positionieren sich aktiver in der Debatte um eine autonomere Sicherheits- und Kooperationsarchitektur. Multipolarität ist als strukturelle Realität akzeptiert worden – begleitet von einer anhaltenden Suche nach einem tragfähigen Multilateralismus innerhalb dieser Realität. IDOS war auf der diesjährigen MSC durch IDOS-Direktorin Prof. Dr. Anna-Katharina Hornidge und PD Dr. Julia Leininger, Leiterin der Abteilung Transformation politischer (Un-)Ordnung, vertreten und brachte forschungsbasierte Erkenntnisse über verschiedene Kanäle in die zentralen Debatten ein.
Im Vorfeld der Konferenz arbeiteten die IDOS-Forscher PD Dr. Stephan Klingebiel und Dr. Tim Hailer-Röthel mit der MSC zusammen, um Daten zu öffentlichen Mitteln für Entwicklungsleistungen (ODA) bereitzustellen – zwei Grafiken wurden in den offiziellen MSC-Bericht aufgenommen. Ein IDOS Policy Brief von Dr. Charlotte Fiedler, Dr. Jasmin Lorch, Dr. Karina Mross und PD Dr. Julia Leininger zeigt: Entwicklungszusammenarbeit hat eine konfliktreduzierende Wirkung – jedoch nur unter klaren Bedingungen, darunter die Priorisierung von Frieden und Demokratieförderung, systematische Kontextanalysen, das Do-No-Harm-Prinzip und die Vermeidung abrupter Exit Shocks. Vor ihrer Abreise nach München betonte Anna-Katharina Hornidge die strategische Bedeutung ziviler Mittel für integrierte Sicherheit. In einer animierten Videoserie vertieft IDOS die Rolle sozialen Zusammenhalts.

Ein zentrales Thema der IDOS-Beiträge zur diesjährigen MSC war die Frage, wie „wertebasierter Realismus“ oder „prinzipientreuer Pragmatismus“ unter sich verschiebenden Machtverhältnissen konkrete Gestalt annehmen kann. Dazu veranstaltete IDOS gemeinsam mit der Konrad-Adenauer-Stiftung den vertraulichen Frühstücksdialog „Values that Hold: Toward a Pragmatic Security Order“. Der Dialog zielte auf die Identifikation von Grundwerten ab, die unter multipolaren Bedingungen tragfähig bleiben und fragte, wie diese politisch konsistent verankert werden können. Die informelle hochrangige Sitzung verdeutlichte die Bedeutung von Klarheit – über allianzbildende Werte, weiterhin bindende Grundsätze des Völkerrechts sowie über das Zusammenspiel innenpolitischer Prioritäten und außenpolitischer Verpflichtungen.
Über diesen gemeinsam ausgerichteten Dialog hinaus leisteten Anna-Katharina Hornidge und Julia Leininger vielfältige Beiträge zu verschiedenen weiteren Veranstaltungen der MSC, die von nationalen und internationalen Partner*innen ausgerichtet wurden. Dazu gehörte beispielsweise die Teilnahme von Anna-Katharina Hornidge an einem Runden Tisch zu Science Dipolomacy, ausgerichtet von der Helmholtz-Gemeinschaft, dem DAAD und dem Auswärtigen Amt, wo sie zu den Diskussionen über Forschungssicherheit und die Rolle unabhängiger Wissenschaft für die Demokratie beitrug, sowie Beiträge zu einem Side Event der GIZ zur interregionalen Zusammenarbeit in der Bekämpfung transnationaler organisierter Kriminalität. Julia Leininger diskutierte die Rolle von Resilienz für Sicherheits-, Verteidigungs- und Friedenspolitik als Rednerin auf einem von PriceWaterhouse Coopers ausgerichteten Panel. In ihrer IDOS-Kolumne verortet sie den allgegenwärtigen Begriff der Resilienz darüber hinaus in einem sicherheitspolitischen Rahmen.
Auch darüber hinaus bereicherten IDOS-Forschende die öffentliche und politische Debatte rund um die MSC: Dr. Semuhi Sinanoglu analysiert in seinem Meinungsbeitrag für Table.Media die sich wandelnde und zentrale Rolle von Mittelmächten beim Aufbau tragfähiger Kooperationsarchitekturen, die von Prinzipientreue und Pragmatismus geprägt sind. Dr. Jasmin Lorch weist in ihrem Beitrag auf die Bedeutung von Souveränität und ius cogens für die Positionierung Europas und der Mittelmächte hin.

Anna-Katharina Hornidge und Julia Leininger teilten ihre Reflexionen zur MSC: Im Gespräch mit ZDF NANO betonte Anna-Katharina Hornidge die Bedeutung von Allianzen mit Mittelmächten in Afrika, Asien und Lateinamerika; in ihrem Artikel für Table.Media setzte sie sich mit den Reaktionen auf die offen proklamierte antipluralistische Vision der USA auseinander. In ihrem Beitrag für die Frankfurter Rundschau argumentiert Julia Leininger, dass die internationale Ordnung künftig flexibler, stärker innenpolitisch rückgebunden und gesellschaftlich legitimierter gestaltet sein muss.
Die MSC 2026 hat deutlich gemacht: Die Phase der strategischen Desorientierung weicht einer Phase schwieriger Entscheidungen. Die Architektur der internationalen Ordnung wird neu verhandelt – und die Frage ist nicht, ob Werte in dieser Verhandlung einen Platz haben, sondern wie sie politisch und pragmatisch definiert und verteidigt werden können. Das IDOS wird weiterhin Forschung und Analyse zu dieser Debatte beisteuern.

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