COP30 in Belém: Klima, Geopolitik und Paris-Reflexionen

IDOS-Wissenschaftler Dr. Niklas Wagner nahm an der COP30 teil und reflektiert seine (partiellen) Beobachtungen.

IDOS Wissenschaftlicher Mitarbeiter Niklas Wagner vor einer großen beleuchteten COP30‑Installation auf dem Konferenzgelände in Belém, Brasilien. Im Hintergrund ist das nächtlich angestrahlte Gebäude der UN‑Klimakonferenz zu sehen.
Niklas Wagner in Belém ©IDOS

Die COP30 fühlte sich oft weniger wie eine Konferenz an als vielmehr wie eine ganze amazônische Stadt, die sich in eine riesige Arena der Klimadiplomatie, politischen Aushandlung und gesellschaftlichen Debatte verwandelte. 29 Tagesordnungspunkte in den formalen Verhandlungen, 286 Pavillons mit Hunderten von Side-Events in Blue und Green Zone sowie unzählige parallele Aktivitäten in der gesamten Stadt, darunter der großartige People’s Summit und der Marsch am Samstag. Die gesamte Breite dieser Interaktionen lässt sich von keinem einzelnen Standpunkt erfassen. Was folgt ist daher notwendigerweise eine partielle Reflexion, geprägt von Begegnungen, Beobachtungen und Forschungseindrücken meiner Zeit in Belém.

Diese COP war für mich durch verschiedene Menschengruppen verankert. Meine Gastfamilie empfing mich mit großer Wärme und Freundlichkeit und gab mir während dieser intensiven zwei Wochen ein Zuhause, das mich täglich an die lokale Realität jenseits der formalen Räume erinnerte.

Beruflich fokussierte sich meine COP30 auf meine Forschung zum Global-Stocktake. Über 20 Interviewpartner*innen aus allen großen Verhandlungsgruppen teilten großzügige, reflektierte Einblicke in die Nachbereitung des ersten Global Stocktake — Einsichten, die ein zentraler Teil unserer laufenden Forschung sind.

Neben meiner Forschung prägten verschiedene Side-Events gemeinsam mit dem German Institute of Development and Sustainability (IDOS) meine Reflexionen, indem sie institutionelle Designfragen mit breiteren politischen Debatten verbanden. Ebenso beeinflussten Gespräche mit meinen IDOS-Kolleg*innenAparajita Banerjee, Darius Saviour Ankamah, Marcel Artioli — mein Denken. Die GST-Arbeitsgruppe über verschiedene Konstituenzen hinweg brachte vielfältige Beobachterperspektiven ein, während Gespräche mit Freund*innen vom Bonn Climate Camp sicherstellten, dass gerechtigkeitsorientierte Perspektiven präsent blieben.

Auch für meine Studierenden an der Universität Bonn wie für mich selbst waren die Beiträge von Caterina Bittendorf zu ihren Erfahrungen als Jugenddelegierte in den Gender-Verhandlungen, von Eqram Mustaqeem als Berater des Third World Network zu Adaptation und von Romie Niedermayer zum Stand der UN-Reform besonders aufschlussreich.

Schließlich prägte mich die Arbeit im CLIMACOP-Team — einer kollaborativen ethnografischen Gruppe mit Kolleg*innen der Universität Hamburg und mehreren Institutionen in Paris, darunter u.a. Stefan C. Aykut, Léa Lebeaupin-Salamon, Anna Fünfgeld, Eduardo Gonçalves Gresse, David Dumoulin und Lea Kammler. Die gemeinsamen Reflexionen über verschiedene Bereiche der COP halfen mir, vieles von dem Erlebten einzuordnen.

Und doch braucht es eine notwendige Einordnung: Keine*r von uns — und fast niemand auf der COP — gehört zu den Gemeinschaften, die am stärksten von der Klimakrise betroffen sind. Viele von uns profitieren ökonomisch von unserer Teilnahme. Eine scharfe Kritik an COPs und der Kultur „toxischer Positivität“ findet sich hier: […] Mit dieser Positionalität im Hinterkopf folgen nun einige — unvermeidlich unvollständige — Reflexionen.

 

Klimafolgen & Geopolitik: Spaltung in der Minority World

Zunehmend beobachte ich, wie die Realität der Klimafolgen in die Verhandlungssäle eindringt. Parteien und Beobachter*innen sprachen nicht nur über Politiken und Pfade, sondern über den Verlust von Land, Leben, kulturellem Erbe, Ökosystemen, Ernährungssicherheit und Würde. Solche Beiträge kamen zunehmend von Staaten der Majority World — besonders AOSIS und LDCs — deren Gesellschaften bereits irreversible Schäden erleben.

Ein grundlegendes Element zum Verständnis dieser Verhandlungen bleibt die historische Verantwortung: Wer hat am meisten zur Krise beigetragen, wer muss zuerst handeln, wer leidet am stärksten? Das wiederholte Verfehlen der Annex-I-Staaten bei Emissionsreduktionen unter dem Kyoto-Protokoll und das Scheitern, letztes Jahr das NCQG-Finanzziel zu liefern, hinterließen Enttäuschung und schwächten das Vertrauen.

Diese Dynamik wurde durch die weitgehende Abwesenheit der USA verstärkt. Abgesehen von einem kurzen Besuch von Kaliforniens Gouverneur Gavin Newsom waren die USA kaum präsent — weder physisch noch durch Wortmeldungen. Diese Stille kontrastierte mit Trumps erster Amtszeit, als subnationale Akteure unter „We Are Still In“ mobilisierten. Die Abwesenheit der USA vertieft die Spaltung innerhalb der Minority World (Globaler Norden), während die EU versucht, extern ein hohes Ambitionsniveau aufrechtzuerhalten, intern jedoch wachsende Skepsis erfährt — sichtbar in der spät eingereichten EU-NDC.

Gleichzeitig ist die Majority World (Globaler Süden) keineswegs homogen. Das Bild eines einheitlichen „G77 und China“ entspricht nicht mehr der Verhandlungsrealität. Während AOSIS und LDCs existenzielle Bedrohungen adressieren, betonen andere LMDC-Staaten wirtschaftliche Entwicklung, Energiesicherheit oder geopolitische Prioritäten. Diese Unterschiede prägen Interpretationen von CBDR und Gerechtigkeit.

 

Paris-Follow-Up: Global Stocktake & Ambitionszyklus

Die COP30-Cover-Decision enthält keinen expliziten Hinweis auf fossile Energien. Sie verweist jedoch direkt auf die Ergebnisse des ersten GST (1/CMA.5), in dem das „Abwenden von fossilen Brennstoffen“ erwähnt wird. Fossile Energien bleiben damit im Ambitionszyklus verankert.

Wie Staaten GST-Ergebnisse international und in ihren NDCs aufgreifen, ist ein Kernthema unseres SNIS-Projekts. Frühe Einblicke zeigen ein komplexes Bild. Der Synthesebericht verweist darauf, dass 88 % der eingereichten NDCs vom GST informiert wurden. Wir erfuhren, dass die Afrikanische Union Leitlinien plant, um GST-Empfehlungen in Entwicklungspolitik zu integrieren. Einige Verhandler*innen verwiesen gezielt auf bestimmte GST-Absätze, um höhere Ambition zu begründen; andere vermieden dies, da sie den GST als zu mitgliedszentriert empfanden.

Institutionell verabschiedete die COP30 drei lang verhandelte Entscheidungen:
– die Einigung auf den lang erwarteten UAE Dialogue zur Nachverfolgung der GST-Umsetzung, insbesondere in Bezug auf Finanzierung;
– die Annahme von 59 Indikatoren für das Global Goal on Adaptation (GGA);
– die Betonung der Rolle der Klimawissenschaft und der stärkeren Einbindung „repräsentativer wissenschaftlicher Beiträge aus Entwicklungsländern“.

 

Weitere Themen im Wandel der Klimagovernance

Ein zentrales Ergebnis war die Annahme des Belém Action Mechanism (BAM) für Just Transition. Viele zivilgesellschaftliche Gruppen — indigene Organisationen, Gewerkschaften, Menschenrechts- und Gerechtigkeitsinitiativen — begrüßten BAM, da es Menschenrechte, indigene Rechte und Arbeitsrechte explizit verankert. Die Operationalisierung steht noch aus, doch BAM markiert eine Verschiebung hin zu stärker sozial verankerten Übergängen.

Ein weiteres wichtiges Thema war der Nexus von Handel und Klimapolitik, insbesondere die Debatten um den Carbon Border Adjustment Mechanism (CBAM) der EU. Viele Staaten der Majority World sehen darin ein verkapptes Handelshemmnis, das Mitigationslasten auf Produzent*innen statt Konsument*innen verlagert, CBDR unterminiert und industrielle Entwicklung erschwert. Die EU hingegen betrachtet CBAM als notwendig zur Integrität des Emissionshandels. Diese Divergenz deutet darauf hin, dass Handel künftig ein noch zentraleres Konfliktfeld wird.

Auch die brasilianische Präsidentschaft prägte COP30 deutlich. Basierend auf dem Konzept des mutirão — kollektiver Mobilisierung — führte Brasilien den Prozess entschlossen und sichtbar. Dieses Vorgehen ist im Kontext der nationalen Politik und der bevorstehenden Wahlen zu verstehen, in denen soziale Bewegungen und indigene Organisationen eine zentrale Rolle spielen. Bemerkenswert war das starke Engagement indigener Gruppen und der Zivilgesellschaft in Belém nach Jahren eingeschränkter Beteiligung.

 

Fazit: Paris an einer Wegscheide in komplexeren Zeiten

COP30 offenbarte ein tiefes Paradox. Die Welt wird komplexer; Interessen differenzieren sich innerhalb wie zwischen Mehrheit- und Minority World. Vertrauen ist fragil. Innenpolitische Dynamiken formen Verhandlungspositionen. Geopolitische Allianzen verschieben sich schneller als noch vor zehn Jahren. Und dennoch zeigte Belém erneut, dass das multilaterale Klimaregime unersetzlich bleibt. Es gibt kein anderes Forum, in dem Staaten mit so unterschiedlichen Verantwortlichkeiten, Kapazitäten und Vulnerabilitäten über die zentrale Gerechtigkeitsfrage unseres Jahrhunderts verhandeln können.

Doch ein Forum allein genügt nicht. Das Paris-Abkommen steht an einer Wegscheide. Seine Zukunft hängt davon ab, ob die Staaten einander anders begegnen können — mit mehr Vertrauen, politischem Mut und der Bereitschaft, gemeinsam entschlossen zu handeln.

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