Interview: Wie Europa ‘middle powers’ für bessere globale Ordnung gewinnen könnte

Die regelbasierte internationale Zusammenarbeit steht unter Druck. Europa muss sich auf die neue Realität einstellen und neue Allianzen bilden. IDOS-Wissenscahftler Dr. Niels Keijzer und Dr. Mark Furness beleuchten zentrale Fragen – darunter, wie Europa mit ‘middle powers’ zusammenarbeiten könnte, um globale Kooperation und Governance zu stärken.

Die globale politische Landschaft verändert sich rasant; etablierte Regeln und Institutionen geraten zunehmend unter Druck. Was bedeutet das für Europas Rolle in der Welt – und wo hat Europa weiterhin tatsächlichen Einfluss?

Wir treten in eine zunehmend multipolare und unvorhersehbare Phase ein, in der sich das globale Machtgleichgewicht verschiebt, wobei noch nicht klar ist, wo und in welcher Form es sich einpendeln wird. Die etablierte internationale Ordnung steht unter Druck, und mächtige Akteure haben gegen ihre Regeln verstoßen, ohne dass dies nennenswerte Konsequenzen nach sich gezogen hätte. Europa kann daher nicht einfach auf eine Rückkehr zum Status quo der Zeit nach dem Kalten Krieg warten. Gleichzeitig bleibt das Grundprinzip, dass souveräne Akteure auf der Grundlage vereinbarter Regeln miteinander umgehen sollten, für das Überleben der menschlichen Zivilisation von entscheidender Bedeutung.

Alle Großmächte sehen sich erheblichen Einschränkungen beim Aufbau eines neuen globalen Kräftegleichgewichts gegenüber, das ihren Präferenzen entspricht. Die Vereinigten Staaten haben schwerwiegende strategische Fehler begangen, Russlands wirtschaftliche und militärische Stärke ist begrenzt, und China ist nicht bereit, als verlässlicher und engagierter politischer und sicherheitspolitischer Partner zu agieren. Auch Europa hat Schwächen: Es kann andere nicht zu etwas zwingen, was diese nicht tun wollen, und die EU ist kein souveräner Staat, was bedeutet, dass jede wichtige Entscheidung und jede darauffolgende Maßnahme langwierige interne Verhandlungen erfordert.

Doch Europa verfügt über beträchtliche Stärken: eine große Wirtschaft, tiefgreifende Beziehungen in der ganzen Welt, starke Institutionen und offene Gesellschaften, die Menschen anziehen. Der Einfluss der EU wird daher wahrscheinlich nicht in erster Linie von militärischer Macht ausgehen, auch wenn sie ihre Verteidigungsfähigkeiten ausbaut. Die Chance Europas liegt darin, sein wirtschaftliches und regulatorisches Gewicht, seine Institutionen, Partnerschaften und Werte zu nutzen.

Europa verfügt über zahlreiche Instrumente – von Handel und Investitionen bis hin zu Migrationspartnerschaften. Wie könnte Europa sie wirksamer verbinden, um stärkere und für beide Seiten vorteilhafte Partnerschaften aufzubauen?

Europa könnte damit aufhören, seine Außenpolitik als separate Instrumente zu behandeln, und stattdessen echte Kooperationspakete anbieten. Ziel wäre es, ein maßgeschneidertes Angebot zu entwickeln, das auf die spezifischen Herausforderungen der Partnerländer eingeht und gleichzeitig gemeinsame Interessen wie Klimawandel, öffentliche Gesundheit, Energiesicherheit, Arbeitskräftemangel oder gesteuerte Migration berücksichtigt. Je nach Partnerland und dessen Prioritäten könnten solche Pakete Investitionen und Infrastrukturfinanzierung, Zugang zu europäischen Märkten, technisches und wissenschaftliches Fachwissen, Technologie, Budgethilfe, diplomatische Unterstützung sowie Möglichkeiten für Menschen, in Europa zu studieren, eine Ausbildung zu absolvieren oder zu arbeiten, miteinander verbinden.

Die Partner*innen sollten während des gesamten Planungszyklus einbezogen werden – von der Formulierung des Bedarfs bis zur Bewertung der Ergebnisse –, damit die Zusammenarbeit auf Vertrauen und Eigenverantwortung beruht und nicht auf einseitigen Entscheidungen. Die finanzielle Zusammenarbeit sollte durch technische Hilfe ergänzt werden, die öffentlichen und privaten Akteuren dabei hilft, Ressourcen effektiv zu nutzen, öffentliche Mittel transparent zu verwalten und Reformen umzusetzen. Visa- und Talentpartnerschaften könnten eine besonders wirkungsvolle Dimension hinzufügen, sofern sie ein förderliches Umfeld für zirkuläre Migration schaffen. Durch die Zusammenführung von Investitionen, Entwicklungszusammenarbeit und Mobilität kann Europa ein einzigartig attraktives Modell anbieten, das auf gegenseitigen Interessen und gegenseitigem Nutzen basiert.

Wenn Europa enger mit Ländern wie Kanada, Japan, Indien, Brasilien oder Südafrika zusammenarbeiten will: Was sollte Europa anbieten – und was müsste sich in Europa selbst verändern?

Ein potenzielles „Bündnis der Mittelmächte“ würde Partner wie Kanada, Mexiko, Japan, Indien, Brasilien, Südafrika, Südkorea, Australien und Neuseeland umfassen. Europa spielt dabei eine Schlüsselrolle, da seine gebündelten Ressourcen einem solchen Bündnis helfen könnten, kritische Masse und Einfluss zu erlangen. Die Zusammenarbeit könnte sowohl die Herausforderungen angehen, denen einzelne Länder gegenüberstehen – wie eine flächendeckende Gesundheitsversorgung und Bildung –, als auch Probleme, die nur gemeinsam gelöst werden können, darunter Klimawandel, Wasserversorgungssicherheit, öffentliche Gesundheit, Ernährungssicherheit und Biodiversität.

Sie könnte zudem gemeinsame strategische Interessen wie erneuerbare Energien, den Zugang zu Arbeitskräften, gesteuerte Migration sowie Frieden und Sicherheit voranbringen. Das Ziel wäre es, konstruktive gegenseitige Abhängigkeiten und starke Bündnisse zu schaffen, die die globale Governance und die Widerstandsfähigkeit gegenüber Mächten stärken, die die internationale Ordnung untergraben. Damit dies glaubwürdig wird, muss Europa seine Arbeitsweise ändern. Die EU und ihre Mitgliedstaaten könnten ihre finanziellen, diplomatischen und technischen Kapazitäten effektiver koordinieren, anstatt fragmentierte Initiativen zu verfolgen. Angesichts ihrer Interessen und Fähigkeiten könnten sie zudem über kurzfristige, transaktionale Ansätze hinausgehen und in langfristige Beziehungen sowie nachhaltige Entwicklung investieren. Vor allem aber muss Europa das, was es predigt, auch in die Tat umsetzen: Sein Bekenntnis zu Demokratie, Menschenrechten, guter Regierungsführung und internationalem Recht muss in seiner eigenen Politik und seinen Handlungen sichtbar werden.


Dr. Niels Keijzer und Dr. Mark Furness beleuchten diese Fragen in ihrem Beitrag zum IDOS-Flagship-Report.

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