Syrien steht zwischen Nothilfe und Stabilisierung. Wiederaufbau kann nur gelingen, wenn Reformen in verschiedenen Bereichen parallel vorangetrieben werden.

Der Wiederaufbau Syriens und die Rolle der Geber standen im Mittelpunkt der Podiumsdiskussion, die vom IDOS-MENA-Team auf der Jahreskonferenz 2026 der Euro-Mediterranean Study Commission vom 4. bis 6. Juni in Zypern organisiert wurde. Die Expert*innen analysierten, wie internationale Zusammenarbeit in fragilen Kontexten gestaltet werden kann, in denen der Wiederaufbau über technische und finanzielle Herausforderungen hinausgeht. Dr. Ammar Kahf (Omran Center for Strategic Studies), Dr. Reem Turkmani (LSE), Henrike Trautmann (Europäische Kommission, GD MENA) und Farah Al Shami (Arab Reform Initiative) debattierten unter der Leitung von Dr. Mark Furness (IDOS) über die Zukunft des Landes.
Die Diskussion zeigte, dass sich Syrien noch nicht in einer Phase des Wiederaufbaus nach dem Konflikt befindet, sondern zwischen Nothilfe und Stabilisierung steht. Zu den ermutigenden Signalen zählen die erneute Zusammenarbeit mit der EU, die Lockerung von Sanktionen, regionale Investitionen und die größtenteils wiederhergestellte Stromversorgung. Dennoch bleibt der Wiederaufbau hinter den Erwartungen der Bürger*innen zurück. Die Übergangsjustiz schreitet nur langsam voran und es besteht die Gefahr, dass der Wiederaufbau ohne eine starke interne Agenda von außen gesteuert wird. Die Finanzierung ist nicht der größte Engpass – doch ein stufenweiser Wiederaufbau der Sektoren ist unrealistisch, da Staatsaufbau, Justiz, wirtschaftliche Erholung und soziale Absicherung parallel voranschreiten müssen.
Der Moment wurde als historische Chance für Europa, die Diaspora und eine stark gewachsene Zivilgesellschaft beschrieben. Gleichzeitig wurden Bedenken hinsichtlich der Zentralisierungstendenzen der Übergangsbehörden sowie eines nach wie vor zu stark staatszentrierten und ad-hoc-orientierten Engagements der EU geäußert. Es wurden Forderungen nach einer klareren EU-Strategie mit Maßstäben auf nationaler und lokaler Ebene laut, bei der Frauen und syrisches Fachwissen im Mittelpunkt stehen, der Reform des Sicherheitssektors Vorrang eingeräumt und die Diaspora mobilisiert wird.
Der sich abzeichnende Ansatz der EU stützt sich auf technische Hilfe, Unterstützung für die Übergangsjustiz und die Zivilgesellschaft sowie letztendlich auf Investitionen. Der Zeitdruck ist groß: Die Syrer*innen müssen davon überzeugt werden, dass das Interesse Europas im Wiederaufbau des Landes liegt und nicht in der Rückführung von Flüchtlingen. Ausgehend von den Erfahrungen im Libanon warnte das Podium davor, die soziale Sicherung zu vernachlässigen und eine Vereinnahmung der politischen und wirtschaftlichen Prozesse durch die Elite zuzulassen.

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