Interview: So schützen wir Gesundheit in der Klimakrise

Am 14. Oktober organisieren Save the Children Germany, IDOS und SLYCAN Trust eine hochrangige Veranstaltung zum Thema „Von Klimaverhandlungen zu widerstandsfähigen Gesundheitssystemen“. Auch der ehemalige Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach wird erwartet. Im Vorfeld spricht Dr. Christoph Strupat, Experte für Globale Gesundheit am IDOS, über konkrete Folgen des Klimawandels auf Gesundheitssysteme und darüber, wie besonders gefährdete Gruppen besser geschützt werden können.

Wie merken Gesundheitssysteme in der Praxis die Auswirkungen des Klimawandels?

Foto: Dr. Christoph Strupat ist Ökonom, Projektleiter und leitender Wissenschaftler im Forschungsprogramm „Transformation von Wirtschafts- und Sozialsystemen“. Seine Arbeitsgebiete sind Sozialversicherung und Gesundheitsökonomie.
Dr Christoph Strupat ©IDOS

Der Klimawandel ist auch eine Gesundheitskrise. Steigende Temperaturen, Extremwetter, Luftverschmutzung, Waldbrände und unsichere Ernährung erhöhen Krankheits- und Sterberisiken – laut Weltgesundheitsorganisation  sterben dadurch jährlich zusätzlich rund 250.000 Menschen. Hitze führt zu mehr Kreislauf- und Atemnotfällen; Überschwemmungen begünstigen Infektionen, verunreinigen Trinkwasser und machen ganze Regionen unbewohnbar; Dürren schwächen die Ernährung, besonders bei Kindern, und führen langfristig zu Wachstums- und Entwicklungsstörungen. In Südeuropa häufen sich Hitzewellen, in Ostafrika breiten sich Malaria und Dengue in neue Gebiete aus; in Bangladesch nehmen nach Fluten Durchfallerkrankungen stark zu. Kliniken geraten weltweit unter Druck: Stromausfälle, beschädigte Gebäude, überlastetes Personal und gestörte Lieferketten für Medikamente verschärfen die Lage.

Was können Länder ganz praktisch tun, um ihre Gesundheitssysteme klimaresilienter zu gestalten?

Viele Maßnahmen sind einfacher, als man denkt und oft sehr wirksam (siehe auch unsere IDOS Kolumne „Wie kann der Aufbau klimaresilienter Gesundheitssysteme gelingen?). Es geht um viele kleine, konkrete Schritte: Gesundheitsgebäude können hitze- oder hochwassersicher gebaut oder nachgerüstet werden. Frühwarnsysteme für Hitzewellen, wie in Thailand, retten nachweislich Leben, wenn sie mit klarer Risikokommunikation gekoppelt sind. In Ruanda werden Gesundheitsdaten digital vernetzt, um klimainduzierte Ausbrüche von Malaria oder Rift-Valley-Fieber schneller zu erkennen; in Indien wird Gesundheitspersonal gezielt zum Umgang mit Hitze und klimabedingten Infektionen geschult. Ebenso wichtig ist der grundlegende Zugang zu Gesundheitsversorgung: Unsere Forschung am IDOS zu Klima und Gesundheit in Subsahara-Afrika zeigt, dass allein dieser Zugang klimainduzierte negative Gesundheitseffekte bei Kindern im ländlichen Raum um rund 30 Prozent verringern kann. Entscheidend ist, vorausschauend zu handeln und ein verlässliches Gesundheitssystem für alle aufzubauen – nicht erst, wenn die Krise schon da ist.

Wie gelangt Klimafinanzierung wirklich zu den Menschen und Einrichtungen vor Ort – und wo hakt es?

Für Gesundheit fließt bislang viel zu wenig Geld: Nur etwa 0,5 Prozent der globalen Klimaanpassungsmittel gehen in den Gesundheitssektor; afrikanische Länder erhalten rund 14 Prozent des Bedarfs. Vor Ort fehlen damit Investitionen in Kühlung für Impfstoffe, verlässliche Energie, Wasser, robuste Gebäude und Transport. Ein Positivbeispiel ist Kenia: Dort gibt es Ansätze, Klimafinanzierung dezentral über Landkreise zu verteilen und lokale Projekte umzusetzen, auch mit Bezug zu Gesundheit. Dennoch hakt es oft an zu geringen Mitteln, komplizierten Antragswegen und daran, dass Gelder auf nationaler Ebene hängenbleiben und die Primärversorgung nicht erreichen. Was hilft: deutlich höhere Beiträge in multilaterale Fonds wie den Green Climate Fund (GCF), vereinfachte und transparente Verfahren mit direktem Zugang für lokale Akteure, klare Prioritäten für Basisversorgung sowie Monitoring, das offenlegt, wohin Mittel fließen und welche Wirkung sie entfalten. So wird aus Klimafinanzierung tatsächlich bessere Gesundheitsversorgung.

Wie lässt sich sicherstellen, dass besonders gefährdete Gruppen tatsächlich im Mittelpunkt stehen?

Am stärksten betroffen sind Kinder, ältere Menschen, Schwangere und Menschen in Armut. Sie brauchen einfachen Zugang zu verlässlicher Versorgung, verständliche Informationen und Angebote dort, wo sie leben, etwa durch mobile Gesundheitsteams in Zeiten von Dürren oder nach Überschwemmungen. Aufklärung sollte in einfacher Sprache und in lokalen Sprachen erfolgen, damit Informationen wirklich ankommen. Ebenso wichtig ist, dass Programme von Beginn an gemeinsam mit diesen Gruppen entwickelt werden, zum Beispiel über lokale Gesundheitspläne oder Gemeindeversammlungen. Finanzielle und geografische Barrieren müssen abgebaut werden, damit niemand vom Zugang ausgeschlossen bleibt. Schließlich braucht es klare Indikatoren und Daten, die sichtbar machen, ob diese Gruppen tatsächlich profitieren. Nur so wird aus dem Anspruch, sie in den Mittelpunkt zu stellen, auch Realität.

Dr. Christoph Strupat ist Gesundheitsökonom und Projektleiter des Forschungsprojekts „Förderung der Resilienz durch Gesundheit und Soziale Sicherung in Zeiten multipler Krisen“ am German Institute of Development and Sustainability (IDOS).

Authors

Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert